Was bringt Ruderer dazu für ein Wochenende aus Uelzen, Berlin oder sogar München anzureisen, um eine Rudertour da zu beginnen, wo der Südwind aus Norden kommt? Viele Ruderkilometer sicher nicht, sondern eine immer wieder abenteuerliche und sehr vom Wetter abhängige Fahrt. Ach so, der oben beschriebene Startpunkt liegt übrigens in Deutschland und heißt Norddeich!
Unser Nachtquartier hatten wir, wie immer, beim gastfreundlichen Norder Ruderclub. Morgens transportierten wir die beiden KS-Dreier nach Norddeich und es hieß ,,seeklarmachen der Boote" übrigens bei herrlichem Sonnenwetter. Die beiden Dreier verfügen jeweils über abnehmbare Abdeckungen. Die Zwischenräume wurden nun mit Wasserbehältern ausgefüllt, um den Auftrieb der Boote im Falle eines Vollschlagens zu erhöhen. Zwischen den Auslegern wurden noch Profilbretter eingezogen, um das Spritzwasser der Ausleger zu verringern. Jedes Boot wurde noch mit einem Anker und pro Platz mit einem Schöpfbecher ausgerüstet. Es folgte eine kurze Fahrtbesprechung, gründliches Auftragen von Sonnenmilch und zuletzt das Anlegen der automatischen Schwimmwesten. Nun konnte es endlich losgehen!
Norddeich ist der Fährhafen für die Inseln Norderney und
Juist. Während der Hauptsaison im Juli und August fährt
praktisch immer eine Fähre und wir waren natürlich die
Attraktion für die Urlauber. Ungefähr 1,5 km geht es im
Leitdamm bis zum offenen Watt. Der Leitdamm ist beidseitig mit
Steinböschungen begrenzt, um ein Verschlicken der Fahrrinne zu
vermeiden. Dieses Stück rudert man wie auf einem Kanal. Danach
kommt dann die Stunde der Wahrheit! Aber Nord-West Windstärke 3
bis 4 konnten wir gut vertragen. Inzwischen war es etwa
anderthalb Stunden nach Hochwasser, also noch genug Wasser, um
Juist direkt ansteuern zu können. Wir hielten auf den Oststrand
der Insel zu und machten dort auch später die erste Pause.
Hierbei kam es uns zugute, daß wir die Anker mitgenommen hatten,
so konnten wir die Boote weiter draußen lassen und mußten sie
später nicht mehr zum Wasser tragen. Zwischenzeitlich hatten wir
noch versucht die Seeseite von Juist zu befahren, aber dies war
an diesem Tage nicht möglich und so ging es an der Wattseite
weiter bis zum Juister Hafen. Ganz schön lang, so eine Insel. Im
Hafen selber gibt es keine Möglichkeit die Boote herauszunehmen.
Wir legten also an einer Spundwand an, nachdem uns Segler gesagt
hatten, daß die Boote dort nicht trockenfallen.

Jetzt war Landgang angesagt! Einmal quer über
die Insel zum Badestrand und dann Hunger und Durst stillen. Nach
drei Stunden wollten wir wieder zurück nach Norddeich. Dann die
Überraschung im Hafen! Unsere Boote lagen mitten auf dem Schlick
ca. 20 m vom Fahrwasser entfernt. Was nun? Es blieb uns nichts
anderes übrig, als hinein in den 80 cm tiefen Schlick und die
Boote ruckweise zum Wasser zu bringen. Es hat fast eine Stunde
gedauert, da man ja nach jedem Schritt sich am Boot erst wieder
aus dem Schlick ziehen mußte. Wir und die Boote sahen natürlich
entsprechend aus. Als wir es dann nach etwa einer Stunde
geschafft hatten, ruderten wir bis ins Wattfahrwasser. Hier wurde
erst einmal ,,Reinschiff" gemacht. Zu erwähnen ist noch,
daß im Watt fester Sandboden ist, der tiefe Schlick kommt also
zum Glück nur im Hafen vor.

Da zum Rudern noch zu wenig Wasser in der Fahrrinne war, machten wir richtiges ,,Wanderrudern", wir zogen die Boote nämlich hinter uns her. Es war schon beeindruckend, wir liefen in der Fahrrinne im 20 cm tiefen Wasser, rechts und links die Wattberge, über die man nicht hinwegsehen konnte. Dann war es endlich soweit, die Flut kam. Nach fünf Minuten konnten wir schon in der Fahrrinne rudern, immer an den Prikken vorbei. Prikken sind kleine Birken, die das Fahrwasser bei Hochwasser markieren. Nach einiger Zeit wollten wir direkten Kurs auf Norddeich nehmen, aber eine Sandbank hinderte uns daran, so hieß es wieder zurück zum Fahrwasser. Gegen 20.00 Uhr waren wir wieder in Norddeich. Am nächsten Tag sollte es nach Norderney gehen. Diesen Plan verwarfen wir aber, da wir nicht so spät nach Hause wollten. So ruderten wir an der Küste entlang bis zur Leybucht und zum Leybuchtsiel. Dort kamen wir genau beim höchsten Wasserstand an. Nur dann ist auch ein Umtragen in das Norder Tief möglich, auf welchem das Bootshaus des Norder RC erreicht werden kann.
Ein schönes, aber sehr anstrengendes Wochenende ging zu Ende. Zur Zeit ist übrigens ein Kanal im Bau, der von Greetsielan der Leybucht entlang zum Norder Tief führt. Nach Fertigstellung in ca. zwei Jahren ist dann eine Verbindung vom Großen Meer und den Emder Kanälen zu den Norder Gewässern geschaffen.
Ist so eine Nordseefahrt gefährlich? Wenn man unbedarft an
die Sache herangeht, zumindest nicht ungefährlich. Einige
Punkte, welche nach Erfahrung mehrerer Inselfahrten auf jeden
Fall beachtet werden sollten: Die Fahrt sollte möglichst
zwischen Mitte Juli und Mitte August gemacht werden, denn dann
ist die Nordsee am wärmsten und es herrscht wegen der
Urlaubszeit der größte Betrieb von Seglern. Unbedingt vorher
den Seewetterbericht hören und den Tidekalender studieren. Die
Boote sollten, wie schon beschrieben, gut präpariert werden
(zusätzliche Auftriebskörper und Spritzschutz). Jeder sollte
eine Schwimmweste tragen und ein (festgebundenes) Schöpfgerät
an seinem Bootsplatz haben. Desweiteren hat sich ein Anker schon
sehr bewährt und auch ein Kompaß sollte nicht fehlen. In der
heutigen Zeit sollte auch ein Handy an Bord sein, um sich z.B.
bei ungeplantem ,,Trockenfallen" melden zu können, weil
hierdurch im Extremfall bis vier Stunden Zeit verloren gehen
können. Übrigens, naß wird man fast immer durch Spritzwasser,
aber wir haben auch schon Fahrten gehabt, wo das Watt so glatt
war, wie ein Ententeich.

Wolfgang Pott
(Alle Aufn.:W. Pott)